Übersicht Band I
Brief-Nr 1,1
Seite 1,1-2
Datum 20.08.1751
Ort Berlin
an Hamann,Johann Georg
von Sahme,Gottlob Jacob
Kommentar Einzig überlieferter Brief aus einem Briefwechsel mit Sahme, der seit 1744 in Berlin als Sekretär lebte. H. sah ihn dort im Oktober 1756, auf der Reise nach England, vgl. N II,31. Wenn es in den Gedanken über meinen Lebenslauf heißt: Ich lernte meinen Freund Sahme kennen, läßt sich vermuten, daß er dem Brieffreund in Königsberg persönlich nicht begegnet war.
1,9 Tochter: die kurzlebige Königsberger Zeitschrift Daphne von 1749, die von Hs Kommilitonen J. G. Lindner und Lauson herausgegeben wurde und an der er mitarbeitete. Sie erschien von Mitte März 1749, jeden Mittwoch, bis Mitte Juni 1750 in Königsberg. 1750 bereits wurde sie gesammelt bei M. E. Dorn in 2 Bänden neugedruckt. Zu Hs (möglichen) Beiträgen vgl. N IV,13-34; 463ff. Zur Charakteristik dieser >Zeitschrift für Frauen< überhaupt Nadler 40-43.
17 Hennings: ihm widmete H. 1751 eine Ode: Freundschaftlicher Gesang auf die Heimkunft des Herrn S. G. H., N II,228f. Besungen wird Hennings auch durch Lauson (2,29) als der Iustitiarius auf denen hochgräflich von Dohnaschen Gütern.
23 Sittenschrift: Begriffsvariante zu der neueren Gattungsbezeichnung >Moralische Wochenschrift<. Diese Art von wöchentlich erscheinenden Blättern, die meist von jungen Leuten verfaßt wurden, ahmte die englischen, seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts veröffentlichten Wochenblätter nach, vor allem The Spectator, dessen erste deutsche Übersetzung 1719 zu erscheinen begann, aber auch The Tatler oder The Guardian. Die Gattung erfreute sich dann in Deutschland seit etwa 1720 großer Beliebtheit.
24 Witzes: Witz ist im 18.Jahrhundert die Stilbezeichnung geistreicher Denk-und Schreibart; Preußen: (2,6: Vaterland) das alte Heimatland der heidnischen Pruzzen (Borussen) wurde im 13. Jahrhundert, in jahrzehntelangem Kampf, vom Deutschen Ritterorden unterworfen, christianisiert und dann regiert, der Ordenssitz durch den Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen von Venedig auf die Marienburg an der Nogat verlegt. 1510 wurde Markgraf Albrecht von Brandenburg zum Hochmeister gewählt; er hob den Orden auf und wandelte Preußen in ein erbliches Herzogtum um. 1618 fiel es als Erbe an die hohenzollerschen Kurfürsten von Brandenburg. Am 18. Januar 1701 (später als Königstag gefeiert) setzte sich Kurfürst Friedrich III., mit der selbstherrlichen Legitimation des souveränen Herzogtums Preußen, in Königsberg die Königskrone auf (König in Preußen). Auch seine Nachfolger Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. wurden dort gekrönt. Der Provinzname Ostpreußen wurde, gleichzeitig mit der Konstituierung einer Provinz Westpreußen, amtlich erst 1877 durch ein Reichsgesetz. Aber im Sprachgebrauch des 18. Jh.s begegnen durchaus der Name Ostpreußen und das entsprechende Adjektiv, zumal es in der Berliner Verwaltung bereits ein Ostpreußisches Departement gab, III,300,28f.
25 gothisch: zeitgenössisch für: roh, mittelalterlich-düster, barbarisch.
27 andere Gegenden: zur Chronologie, Erscheinungsweise, Verfasserschaft und den Inhalten der moralischen Wochenschriften: Wolfgang Martens, Die Botschaft der Tugend. Stuttgart 1968.
2,3 Dach: Simon D. Des Königsberger Dichters der Kürbishütte Gedichte schrieb H. sich ab, IV,474ff. Vgl. H. D. Irmscher, Handschriften Hamanns im Nachlaß Herders, in: Herder-Studien, hg. von W. Wiora, Würzburg 1960. H. besaß Dachs Werke in der Gesamtausgabe von 1696, die Heinrich Boye in Königsberg verlegt hatte, N V,84; Biga 131/19. In Dachs Schawspiel Sorbuisa finden sich neben dem Prußiarch und Sorbuisa [Anagramm von Borussia] unter anderen mythologischen und allegorischen Figuren auch der Wustlieb -die preußische Barbarey und sein Weib Domdeyke; Wustlieb: einer, der den Wust, Schmutz und die Unordnung liebt; Domdeyke ist vermutlich eine künstliche Wortbildung litauisch-altpreußischen Klanges, mit Anklängen an dumm. Das in der Boyeschen Ausgabe dem Druck des Schauspiels vorangehende Personenverzeichnis identifiziert ausdrücklich die realhistorischen Vorbilder unter den Figuren des Schawspiels. Es war eine Auftragsarbeit zur Hundertjahrfeier der Gründung der Universität Königsberg (1644) und wurde von Studenten aufgeführt. Die Musik dazu schrieb der Königsberger Domorganist Heinrich Albert (1604-1651), ein Schüler des Heinrich Schütz.
6 Vaterland: Preußen.
12 Heimweh: zuerst in Scheuchzers seltsamer Naturgeschichten des schweizerlandes wochentliche erzehlung, einem auch in Deutschland viel gelesenen journale. Am 20. Mai 1705 wird dort unter dem Titel Von dem Heimwehe die uns Schweizeren besondere Krankheit beschrieben, und es werden Mittel zur Heilung derselben vorgeschlagen, Grimm DW, 10,884. Adelung, 1775 (2,1080) hatte den Charakter dieser Krankheit als Melancholie und Abzehrung beschrieben, setzte sie der alten nostalgia gleich und führte sie darauf zurück, daß die an die reine Luft ihres Vaterlandes gewöhnten Schweizer unter der dicken und unreinen Luft anderer Länder litten.
25 Bauren Sohn: Gottlieb Fuchs.
26 HE v Hagedorn: Friedrich v. H., Die Freundschaft, Hamburg 1748, Teil 1, S. 61f., Vers 108; Biga 160/518. Zu Hagedorn vgl. Hs möglichen Beitrag zur Daphne, 50. Stück, N IV,27f.
27 sein Horatz: Horatz. Ein Lehrgedicht.
29 schöne Laute: 1751 in Königsberg als Separatdruck. J. F. Lauson, Zollbeamter am Königsberger Lizent, ließ seiner Sammlung Erster Versuch in Gedichten, 1754, eine 2. folgen: Zweeter Versuch. Darin findet sich, S. 137, ein Die Laute überschriebenes Gedicht, das neben anderen Königsberger Freunden auch den Lautenspieler H. poetisch vorstellt:Ihr Nympfen! höret mein Lied, scherzt um mich frische Najaden! / Tritonen! Sprützet mir Fröhlichkeit zu. Verlaßt, ihr Faunen! den Wald, herbey, gehörnte Satyren./ Itzt spiel, mein Hamann, nun bin ich entzückt <... > / Komm, Dichtkunst, setze dich her, dein Hamann spielet, dein Liebling, / Er liebt die Schwester, ich liebe dich selbst. / So neidisch bist du wohl nicht, daß du dies seltene Glücke / Mit eifersüchtigen Blicken beschielst <...>. Auch in anderen Gedichten des Zweeten Versuchs wird H. unter seinem Daphne-Pseudonym Haemus poetisch angeredet. In sein Königsberger Notizbuch trug H. einen dialogischen Quatrain des Freundes J. G. Lindner ein, der dessen inzwischen geänderte Meinung vom poetischen Wert Lausonischer Reimereien ausdrückt und ironisiert: He! dit-on quel poete a donc rimé plus vite/Qui! on le voit en vers sa prose reciter/Tais-toi! c'est quelque chose; mais c'est un merite./Ma foi c'est un pour tel qui pete ex tempore. Dieses drastische Urteil spiegelt wohl auch das spätere Hs.
34 Freundes Mutter: als die Mutter von S. G. Hennings, der damals schon, mit Sahme befreundet, in Berlin lebte, starb, hatte Lauson ein Trauergedicht verfaßt: Die Ewigkeit der Gerechten als der Grenzstein ihrer Leiden, bey der Henningschen Gruft betrachtet 1751 und in den Zweeten Versuch aufgenommen; angethanene: [sic].