Übersicht Band I
Brief-Nr 1,153
Seite 1,373-381
Datum 27.07.1759
Ort unbekannt
an Kant, I.
von Hamann, Johann Georg
Kommentar Dies ist der erste der überlieferten Briefe Hs an Kant. Natürlich kannte man sich längst im überschaubaren Königsberg, wenn auch kaum näher. Kant wie H. hatten bei Martin Knutzen studiert; Kant gehörte wohl mit Lindner und Lauson wie auch H. zu der von diesem gegründeten physico-theologischen Gesellschaft, von der H. in den Gedanken über meinen Lebenslauf (Bayer/ Weißenborn 321) berichtet; bzw., da sie nicht zustande kam (ebda), zu den Gründungsinteressenten. H. hat auch wohl einiges von den frühen Publikationen Kants wahrgenommen, vgl. 191,6ff. So bittet er den Bruder, ihm Kants Arbeiten -einen fürtrefl. Kopf nennt er ihn -zu besorgen, vor allem seine erste Dissert.[ation]. Das war die Nova dilucidatio <...>, deren 1. Kapitel das principium contradictionis abhandelt. Daß H. Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels las, die zuerst 1755 anonym erschienen war, läßt sich erschließen. Auch daß man einander begegnete, ist bezeugt, 224,15f. und 226,15. Als Johann Christoph Berens im Juni 1759 nach Königsberg reiste, um nach dem ungeratenen, in die Königsberger Garnison der russischen Besatzungstruppe geflüchteten jüngsten Bruder Adam Heinrich zu sehen, dem Sergeanten, wie H. ihn nennt, versuchte er, den damals 35-jährigen Magister Kant, den er aus seinem ersten Königsberger Studiensemester, 1748, kannte, einzubeziehen in seine Strategie, den Freund H. zur gesunden Vernunft zurückzubekehren (398,28ff.). Das Abendbrot zu dritt in der Windmühle (362,14ff.) war zugleich auch der Beginn eines interessierteren Verhältnisses zwischen H. und Kant. Daraus wurde eine komplizierte, ernst respektvolle, aber -nicht ohne ironische Lichter und heitere Anzüglichkeiten -belebte, dabei dauerhaft bewahrte, ja reziprok einflußreiche Beziehung, was noch die Spuren von Denkmotiven Hs beim späteren Kant anlangt (vgl. die einschlägigen Studien Josef Simons). Unmittelbar vor diesem Brief (Nr. 153) hatte Berens, in Begleitung Kants, dem ehemaligen Freunde einen Besuch zu Hause in seiner Einsiedlerey abgestattet. Und der Brief erlaubt einige Rückschlüsse auf die Themen des Dreiergesprächs, wie er zugleich die platonisierende und aristophanisierende Szenerie entwirft, auf der bald darauf die Sokratischen Denkwürdigkeiten sich ereignen werden, das Spiel in der Sokrates-Maske mit dem Publicum, als Niemand, dem Kundbaren und den Zween, N II,57ff. Das, bei allem Ernst seiner Abwehr, bisweilen Koboldische oder auch -nach seiner Metaphorik -das Feuerwerk dieses Briefs, mit dem er nicht zuletzt sein Fernbleiben vom verabredeten Colloquium begründet, charakterisiert er ja selbst ein wenig später als Granate <...> aus lauter kleinen Schwärmern, 398,37. Aber in Hs kühnem Bekenntnis zu seiner Berufung als Prophet und zu seinem spezifischen Denk-und Schreibweg (379,10ff.) waltet ein heiliger Ernst.
373,19 Lies wohl ein[e] LuftErscheinung. Vom kurzen Besuch Berens' hatte H. 370,30 berichtet.
26 Buler: H. signalisiert sogleich, daß er Berens' Verführerrolle durchschaut, Kant mitwirken zu lassen bei der Rückbekehrung. Daher auch die Ironien, sich als Kranken, durch die Krankheit seiner Leidenschaften umso Sensibleren darzustellen.
30 Gefahr des Stoltzes: ein Thema wird angeschlagen, das Brief 170 durchführen wird.
32 Steltzen: der Kothurn als Stilmetapher.
33 Genius aus einer Wolke: N II,75, zugleich Anspielung auf des Aristophanes Wolken, auf sein eigenes Nachspiel sokratischer Denkwürdigkeiten (N II, 83ff.) und die Wolke der Zeugen nach Heb 12,1 und Off 1,7.
374,2 Abschiedsrede: Watsons, 326,7ff.
4 Lies schöne Leiber, zur Sache N II,68.
8 die lyrische Sprache: 380,31.
13 angenehm und nützlich: Anspielung auf Hor. ars 333f.
16 Arbeit: aesthetische Artikel aus der Encyclopédie d'Alemberts und Diderots zu übersetzen. Kant beabsichtigte damit, außer dem pädagogischen Einfluß, vielleicht eine Vorübung und Vorbereitung Hs auf den Beruf des Übersetzers, den er ihm später denn auch bei der Zollverwaltung vermitteln wird.
17 Hutchinson: gemeint ist Francis Hutcheson, den H. offenbar mit dem Theologen John Hutchinson verwechselt.
19 Lies noch [ein] einziger.
20 Schaarwerk: der Artikel corvée: Frondienst aus der Encyclopédie, 317,26.
28ff. Ein Mann von der Welt: und nicht von Welt: anzüglich auf Berens, mit der biblischen Semantik von Welt.
32 alten Mann: Berens ist gerade 30 Jahre alt, aber eben kein Knabe mehr, wie H. süffisant eine (kaum denkbare päderastische) Neigung Kants ironisiert, ebenso wie er 375, 5ff. unter dem Bild eines verführten Mädchens die Indiskretionen und Egoismen Berens' geißelt, indem er das Buler-Motiv fortführt.
375,1 nostrum: von H. situativ verändert aus vestra.
2 Lies Nisiadesque.
9f. von gutem Ton: du bon ton, geschmackvoll.
11 Frankreich: Berens hatte sich eine Zeitlang zu Studien in Paris aufgehalten.
23 Billet doux: als ganzes nicht überliefert.
28 so ängstlich: so eng, genau.
30 Handschrift: Wortlaut des Briefes.
376,6 ihn in dem übersehen: darin verstehen (377,33f).
11f. staarichten: vom grauen Star verdunkelt; meinen triefenden rothen Augen: Anspielung auf Martial 8,59: Lippa sub adtrita fronte lacuna patet.
20 nicht mit Bocks-und Kälberblut: Heb 9,12.
22f. Anspielung auf 1 Mo 22,13, die Opferung Isaaks.
28 eines lyrischen Dichters: 374,8ff.
30 Peter der Große: 377,7: offenbar der politische Held Berens', während H. nicht nur politisch-theoretisch, sondern konkret die Partei des besetzten Landes ergreift.
33 sagt Montesquieu: in De l'Esprit des Loix, 3,5; 3,9-11; 4,9; 5,14.
377,1 Ein Patricius: Alcibiades, nach Cornelius Nepos Vitae, 7,9f.
4ff. Der Absatz bezieht sich auf Montesquieu 10,3f.,
7 Abraham: Lk 3,8 u.ö.
9f. Thut <...>: Jh 8,41; versteht: 1 Ti 1,7; euer Ach!: 367,35.
17 Aufgabe für Sie: H. mahnt eine Ethik an.
18 System der kleinen Welt: der Mensch mit Leib und Seele. H. neigt -gegen die Metaphysik eines Descartes und dessen Begriff des influxus physicus zwischen Geist und Leib -eher zu Leibniz' Lösung des Leib-Seele-Problems.
21 die Calvinische Kirche: mit ihrer Lehre von der Prädestination.
24 Äpfel, die ich wie Galathe[a] werfe: Verg. ecl. 3,64f.: Malo me Galatea petit, lasciva puella, /et fugit ad salices et se cupit ante videri; 346,33f.
26 wie Socrates: N II,77.
32 Luther <...> Brochure: Wider Hans Worst, Wittenberg 1541, gegen Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel und zur Verteidigung des sächsischen Kurfürsten (Luther WA 51, 459 ff.). Gemeint ist hier, daß man Luther als ganze Gestalt nicht aus dieser grobianischen Schrift allein beurteilen könne.
378,1 Natur, sagt Batteux: WO?? Offenbar beruft sich H. auf Batteux, gegen die Übertragung von Spinozas more geometrico -auf Politik und Aesthetik. ?? nicht ermittelt
11 die Herzen aller Könige: Spr 21,1.
14ff. Cento aus Ps 19,10f.; Ps 119,72; 99, 100, 98.
16 sind: verschrieben für ist.
22 daß Sie reich werden <...>: die Kaufleute, wobei die Großschreibung die Familie Berens mitmeint.
24 In meinem mimischen Styl: eine von Hs wichtigsten Reflexionen seiner eigenen Schreibart.
26 spielende Farben <...> sagt Pope: zweimal im 2. Canto von Rape of the locks: While ev´ry beam new transient colours flings, Colours that change whene´ver they wave their wings.
27 Leviathan: hier nicht in der Dämonie von Hi 40, 25; Ps 74,14; Jes 27,1 gesehen.
30 der gröste Dichter: Ps 104,26.
34 Fleurette: Definition seiner witzigen Schmeichelei.
37 Die Urheber derselben: gemeint: den Urhebern derselben, nämlich der Lügen in Kants Lieblingslektüre, den Reisebeschreibungen, vergebe ich.
379,1 unwißend thun: Lk 23,34; comischer Held: Molières Bourgeois gentilhomme, den in der 6. Szene des 2. Aktes die Mitteilung erstaunt, er rede Prosa: Par ma foi, il y a plus de quarante ans que je dis de la prose, sans que j'en susse rien.
4 Das anzügliche Plädoyer für erfahrungsgebotene Skepsis leitet Hs Hume-Kritik ein, im Sinne von 2 Ko 4,18.
7 Lies im dritten.
13 Sie Ihrem Monde: die vom Sinnenschein Getäuschten; Mährchen von der Ehre Gottes: die Wahrheit von Ps 19,2 verfehlend.
14 Gottes Ehre: Hi 9,7 ([Gott] versiegelt die Sterne); der Könige Ehre: nämlich der Magi aus Morgenland, Mt 2,1-11.
15 an den Früchten: Mt 7,16; 12,33; Lk 6,44; ein Prophet aus dem Schicksal: Erfahrung und Bestimmung.
16 mit allen Zeugen: Mt 5,11.
28f. Hogarts System: N IV,434,19;
30 Hume: 355,25ff.
34 das Mosaische Gesetz: Rm 3,20 u.ö.
380,6 Saul: 1 Sam 19,24.
9 die Schlange: 1 Mo 3,4.
10 Aus Hume' Enquiry concerning human understanding, Sect. 10, part. 2, vermutlich in eigner Übersetzung zitiert, wie schon an J. G. Lindner 356.
20 Brille meiner ästhetischen Einbildungskraft: Spiel mit dem Doppelsinn von griechisch <ga>aisuanomai.
24 Rede vom Gelde: offenbar hatte Berens angemahnt, daß H. noch immer wegen seiner Londoner Schulden bei der Firma im Debet stehe.
30 Herodot: Griechenlands Happelius (Happel), der Verfasser von Größte Denkwürdigkeiten der Welt oder sogenannte Relationes curiosae. H. spielt mit dem Beiwort angenehm wohl auch darauf an, daß Kant damals diese curiösen Relationen als Schlafmittel zu nutzen pflegte, (vgl. 893, VI,133, an F. H. Jacobi vom 12. Nov. 1785). Von den aegyptischen Bräuchen, auf die H. anspielt, erzählt Herodot in den Kapiteln 85-89 des 2. Buches.
31ff. Antwort auf eine sarkastische Bemerkung Berens', der Hs Schwärmerey wohl als leirisch denunzierte; Parade Hs mit einer Anspielung auf Gellerts Fabeln Die Nachtigall und die Lerche und Die beiden Schwalben; die satirische Pointe zielt auf Berens' literarische Unproduktivität.
34 Genii Flügel: 373,29.
37 Mutter Lyse: unermittelt ??.
381,1 Die falschen Götzen: aus der 8. Str. des Liedes Sey Lob und Ehr' dem höchsten Gut des Johann Jacob Schütz. Den Vers schreibt H. auch dem Bruder unter dem 21. Mai 1760, II,23,9.
3 wie ein Mensch auf einen Affen: Anspielung auf Popes An Essay on Man, Epistle II: Superior beings, when of late they saw /A mortal Man unfold all Nature's Law, /Admired such wisdom in an earthly shape, /And shew'd a Newton as we shew an Ape, worauf H . auch später noch amüsiert anspielt, N II,100,15 und N III,21,22 und 210,28.
5ff. Sprachen verwirrte <...> mit feurigen Zungen: 1 Mo 11,7; Apg 2,3.
8 Die Wahrheit: H. adaptiert die bekannte Fabel des Magnus Gottfried Lichtwer Die beraubte Fabel. Da gerät die Fabel unter Räuber, muß sich, da ihr Beutel leer ist, ihrer zahlreichen Gewänder entledigen, bis sie als die nackte Wahrheit dasteht. Die rührende Pointe Lichtwers dürfte freilich weit entfernt sein von der brutalen Realität des Weltlaufs: Die Räuberschar sah vor sich nieder /Und sprach: Geschehen ist geschehn, /Man geb ihr ihre Kleider wieder, /Wer kann die Wahrheit nackend sehn?. H. dämonisiert die Wahrheitspointe.
12 abholen kommen: Kants Antwort -oder seinen eignen Brief?