Übersicht Band I
Brief-Nr 1,168
Seite 1,446-447
Datum [1759]
Ort unbekannt
an Kant, I.
von Hamann, Johann Georg
Kommentar Kant, zu dem sich, nach den Gesprächen zu dritt (Berens, Kant und H.) ein näheres Verhältnis ergeben hatte (440,20ff.), versuchte den Privatstudien Hs mehrfach Ziele zu geben; so hatte er etwa Übersetzungen aus der Encyclopédie angeregt und mündlich vorgeschlagen, im Blick auf Hs. pädagogische Erfahrungen und Interessen als Hofmeister, in Zusammenarbeit mit ihm ein physikalisches Lehrbuch für Kinder zu schreiben. Es kam zu vorbereitenden pädagogischen Gesprächen, 444,28. H. scheint aber eine gemeinsame Arbeitsbasis skeptisch betrachtet zu haben; und so wählt er ein ironisch zu denkendes Motto für diesen seinen ersten, das Problem objektivierenden Brief. Nach dem Scheitern einer gemeinsamen Autorschaft hat H. die Briefe 168 und 169 als Zugabe zweener Liebesbriefe an einen Lehrer der Weltweisheit, der eine Physick für Kinder schreiben wollte im Anschluß an seine Fünf Hirtenbriefe das Schuldrama betreffend im Jahre 1763 veröffentlicht, N II,371-374. Das Interesse Kants, des Autors der Allgemeinen Naturgeschichte und der Theorie des Himmels, 1755, der weitere, zahlreiche naturwissenschaftliche Studien veröffentlicht hatte, der überdies seit 1757 Kollegs über physikalische Geographie hielt, stand im Zusammenhang der aufgeklärten Pädagogik mit ihrer Bevorzugung der Realien. Hs antwortende Strategie gehorcht dagegen seiner kritischen Logik: von der Erörterung des pädagogischen Grundproblems (die Herunterlassung zu Kindern) geht sie über zur biblischen Interpretation der Naturgeschichte als Schöpfung und zu deren typologischem Verständnis als Rechenschaft Gottes von seiner Liebe als Kondeszendenz. Das entscheidende Motiv von Hs Kritik aber ist die aus seinem Schöpfungsglauben stammende Einsicht, daß der Logos der modernen Naturwissenschaft überhaupt ein Logos atheos sei, der den Menschen an Gottes Stelle setzen will. Kant hat (448) diese Briefe 168/169 nicht -oder möglicherweise nur formal-lakonisch beantwortet. Er hielt offenbar seinen Verdacht der Schwärmerei Hs für erneut bestätigt. Vielleicht aber wurde H. der Dialektik der Aufklärung früher gewahr als jener -in seinem von H. stets skeptisch betrachteten Optimismus (429,7ff. und vor allem den Brief an Christian Jacob Kraus vom 18. Dezember 1784). Im übrigen hat Kant, nachdem sein Mitarbeiter in spe schon die Gemeinsamkeit der Diskursvoraussetzungen bestritten hatte, den Plan einer Physik für Kinder nicht selbst ausgeführt. Auch seine akademischen Vorlesungen über Physische Geographie hat erst sein Schüler Friedrich Theodor Rink auf Verlangen des Verfassers aus seiner Handschrift herausgegeben, 1 /2. Band, 1802/3. Und ebendieser brachte 1803 auch die Vorlesungen Kants über Pädagogik zum Druck. Zu dem Plan einer gemeinsamen Kinderphysik vgl.. R. Wild.
444,24 mit mir geredt: beim wohl auch schriftlichen Vorschlag zu einer Kinderphysik, 445,2f.
29 Wenn nichts so ungereimt ist: Cic. div. 2,58, 119: nihil tam absurde dici potest quod non dicatur ab aliquo philosophorum.
30 Philisophen: lies wohl doch Philosophen, obwohl H. gerade mit diesem Nomen seine etymologischen Spiele zu treiben liebt, 451,10 und N VI,311f.).
445,7 Meister in Israel: Jh 3,10.
11 verzügliche: lies vorzügliche.
18 Moralität üben: nachsichtig sein.
19 übersehen: überschauen, verstehen.
20 Maschinen: hier wohl logische Denkbewegungen.
28ff. Anspielung auf die Mythen von Medusa und dem Pygmalion, Sokratische Denkwürdigkeiten, N II,62,13ff.
31 ein Lob aus dem Munde der Kinder und Säuglinge: Ps 8,3 (zitiert bei Mt 21,16).