Übersicht Band I
Brief-Nr 1,170
Seite 1,448-453
Datum [00.12.1759]
Ort unbekannt
an Kant, I.
von Hamann, Johann Georg
Kommentar Kant hat in der Sache der gemeinsamen Kinderphysik auf Hs Briefe nicht explizit geantwortet, eher eine lakonisch-negative Bemerkung gemacht (448,28f. und 451,13ff.). H. aber insistiert, 448,18: er verlangt seine Zurückweisung mit Nachdruck, Stoltz, 449,8 und 11. Kant ärgerte sich, 450,4 so der Vorwurf des unerträglichen Stolzes; 451,16f.: Kant kommt nicht weiter im platonischen Alcibiades. Ob Hs Zusicherung, er habe Lust an dem Werke zu arbeiten, davon die Rede unter uns ist, ein taktisches Zugeständnis ist, welches er mit der fundamentalen Unmöglichkeit einer Einigkeit im Briefverlauf aufheben will? Jedenfalls geht er nun, nachdem Kant nicht in das Grundsatzgespräch hatte eintreten wollen, zum Angriff auf Kants philosophische Position überhaupt über.
448,6f. Scheffel Saltz: das bekannte Sprichwort, Wander, Band III; (vgl. Goethe: Hermann und Dorothea, 6. Gesang, Verse 162-165).;Ich schmäuchele mir: im 18. Jh. nicht ungebräuchliche Rundung des Diphtongs ei zu äu. Vielleicht spielt H. auch das etymologische Spiel des verbum activum schmauchen, schmäuchen: räuchern.
15 Schwächen und Blößen: Off 3,17f., wie H. denn auch hier die moralischen und geschlechtlichen Begriffe semantisch mischt.
449,7 Soll ich nicht brennen: 2 Ko 11,29.
8 Stoltz gegen Eitelkeit: ein Motiv, das den ganzen Brief durchzieht; vermutlich war dies, daß er stolz sei, bereits ein Vorwurf der Zween, Kants und Berens', während der Gespräche im August. Es ist aber für H. jener in eigenwilliger Umdeutung einbekannte Stoltz, als Freudigkeit im Wahrnehmen der Schöpfungsgeschichte und im Dienste des Schöpfers gemeint, gegen die Eitelkeit einer anmaßlichen autonomen Metaphysik.
28 Er schämt sich: Lk 16,3.
29 betender Battologist: Substantivierung des griechischen Verbs für plappern, nach Mt 6,7;
polypragmatischer Faulenzer: oxymorische Wendung für vielbeschäftige Faulenzer, möglicherweise eine Anspielung auf Johann Elias Schlegels Lustspiel Der geschäfftige Müßiggänger, geschrieben 1741, gedruckt 1743, im 4. Teil der Deutschen Schaubühne J. Ch. Gottscheds.
32 ins Stecken [mundartlich für Stocken] geraten: die Encyclopédie blieb keineswegs Fragment. Sie erschien in 28 Bänden, 1752 bis 1772, Supplement und Register in 7 Bänden bis 1780.
450,10 als Blinde: Mt 15,14.
12 Die Natur ist ein Buch: der alte Topos wird für H., über die Aesthetica in nuce hinaus, die im Folgenden anklingt, zum Fundamentalbegriff.
18 Aequation: Vergleichsbegriff.
21 Lies vielleicht schreiben n i c h t für eine Nation.
22 für ein Volk: gemeint sind vor allem die Kinder, weil diese (vgl. Aesthetica in nuce, N II,197,15f.) noch der Muttersprache des menschlichen Geschlechts näher sind.
31ff. Mit W.[eymann] mögen Sie umgehen, 425,20ff.
36 zu schlecht: schlicht.
451,8ff. höltzerne Pferd <...> geflügeltes: Wortspiel mit der Homonymie von Märe: Erzählung und Mähre: Pferd; und das der List des Odysseus entstammende hölzerne Pferd (wie die angeblich hölzerne mosaische Märe) können zum Dichterroß Pegasus werden.
16 mit dem platonischen Gespräch: 353,9 und 428,36.
17 Mücken <...> Kameele: Mt 23,24, vgl. 429,15f; in deutlich polemischer Variation ersetzt H. Luthers korrekte Übersetzung (des griechischen <ga>diylizontew und das excolantes der Vulgata) mit seigen ( seihen) durch das konnotationsreiche saugen.
20 Unwissenheit: Apg 17,30.
22 Ist es Dir nicht gesagt: Mi 6,8.
25 Parrhesie: Mk 8,32, Bekenntnis der Freudigkeit; Homeromastix: Geißel, Züchtiger des Homer, Ekelname des Zoilos von Amphipolis, eines kynischen Philosophen und Rhetors aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert, der Homer dem aufgeklärten Spott preisgeben wollte.
29 Mittagsschatten: Sir 34,19.
32 Silen: der Begleiter des Bacchus, auf dem Esel, -zugleich eine Sokrates-Anspielung, nach Plat. symp.; Wein des Weins wegen: Paraphrase des auf Alkaios zurückzuführenden Wortes, im Wein liege Wahrheit, überliefert in der lateinischen Version: in vino veritas.
36 Diogen gefiel einem Mann: eher als an die Anekdote von Diogenes von Sinope und Alexander dem Großen -, den jener, gefragt, ob er etwas brauche, bat, er möge aus dem Schatten treten (Cic. Tusc. 5,92 (Nunc quidem paulum <...> a sole) -ist zu denken an die Überlieferung bei Diog. Laert. 6,29ff., daß Diogenes im Alter bei einem reichen Korinther Xenias als Sklave und als Hauslehrer, von strengen pädagogischen Grundsätzen geleitet, diente und sich die respektlosesten Äußerungen erlaubte und erlauben durfte.
452,1ff. Thema des Folgenden ist die biblische gegen die spekulative Interpretation des Ganzen der Schöpfung.
1 wie Rousseau: 426,21f.
2 lies momentane.
3ff. Giebt es ein[en] Zufall: eine Reflexion, die Goethe so einleuchtete, daß er sie in seiner Zeitschrift Über Kunst und Alterthum. Dritten Bandes erstes Heft, 1821, zitierte, und zwar in seinem Beitrag: Fromme Betrachtung über Leitung und Vorsehung mit einem Schlußworte von Hamann (WA I,41,1,265) (Vgl. Henkel).
7f. Er gefällt sich selbst: 1 Mo 1,10; 12; 18; 21; 25: 31.
10 wie Phocion beschämt: Plut. Phok. 10,4; vitae 49,8,3: Als dieser für eine von ihm geäußerte Ansicht den Beifall der Menge erntete, fragte er seine Freunde, ob er etwas Schlechtes gesagt habe.
11f. Kreys seiner wenigen Freunde: Erzengel und Engel; mit bedeckten Füßen: Hes 1,11 und 23.
12 Es werde Licht: 447,13.
15f. Anspielung auf 2 Ko 4,17f.
22 lies: mag [es] aussehen.
29f. Heidelbergschen Catechismum: das Ergebnis der Bemühungen des Kurfürsten Friedrich III., die kirchlichen Verhältnisse der Kurpfalz zu konsolidieren und die Streitigkeiten zwischen den strengen Lutheranern und philippistisch bzw. schweizerisch Gesinnten zu beenden. Die 4. Auflage wurde 1563 in die Kirchenordnung aufgenommen. Vorarbeiten leistete der Theologe Ursinus, die Redaktion ist C. Olevian zu verdanken. Der calvinistische Gehalt des Katechismus war Anlaß, daß er von den Lutheranern befehdet wurde. Er galt außer in der Kurpfalz vor allem in rechtsrheinischen Gebieten, am Niederrhein, in den Niederlanden, der Schweiz und den reformierten Ländern des östlichen Deutschland, Böhmen-Mähren, Ungarn und Polen.
31ff. Vgl. 425,25ff. und 429,13.
32f. die Welt gut: 425,25ff.; das gantze: 425,30.
36 Ein aufrichtiger Sophist: Simonides von Keos, Cic. nat. 1,22,60.
453,8 Ich glaube: Ps 116,10.
14 schwach seyn: 1 Ko 9,22; 2 Ko 12,10.