Zur Geschichte der Edition

Anfang der neunzehnhundertfünfziger Jahre bot der Insel-Verlag Arthur Henkel an, die von Walther Ziesemer begonnene Ausgabe des Briefwechsels von Johann Georg Hamann, deren erste drei ausgedruckten Bände bei Luftangriffen auf Leipzig fast völlig vernichtet worden waren, neu herauszugeben und die Edition zu vollenden. Diese erschien in sieben Bänden, von 1955 bis 1979 und ergänzte die von Josef Nadler erarbeitete historisch-kritische Edition: Johann Georg Hamann, Sämtliche Werke, 6 Bände, Wien, Herder, 1949 bis 1957. Somit lag die gesamte erfaßbare Hinterlassenschaft Hamanns gedruckt vor und ebnete einer neuen, gründlichen und sehr bald internationalen Erforschung dieses im Wortsinn eigenartigen, tiefsinnigen Philosophen, Theologen und Kritikers der Moderne die Bahn.

Diese Editionen hatten eine lange Vorgeschichte. Kein Geringerer als Goethe hatte sich um eine Sammlung von Hamanns Werken und Briefen bemüht. Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang es Friedrich Roth zum ersten Mal, die gedruckten und nachgelassenen Schriften zu einer Gesamtausgabe zusammenzustellen: Johann Georg Hamann, Schriften, 7 Teile in 8 Bänden, Berlin, Reimer 1821-1825; ein zusätzlicher Band wurde 1843 von G. A. Wiener Band VIII herausgebracht, ebda. Die Mängel dieser Ausgabe zu beheben wurde zum Anlaß weiterer Sammelaktionen, so durch C.H. Gildemeister 1857 – 1874: Johann Georg Hamanns, des Magus im Norden, Leben und Schriften, 6 Bde., Gotha, Perthes,1857-1874.

Die nahezu 2000 Briefe von und an Hamann wurden zunächst durch Walther Ziesemer und daran anschließend durch Arthur Henkel in ihrer Chronologie erschlossen und kritisch ediert. Die ausführliche Kommentierung der Einzelbände wurde hintangesetzt, einerseits, um die Edition der Texte nicht zu zu verzögern, zum andern, weil Kommentierung den Bezug auf das Gesamtcorpus der Briefe erfordert und dessen Vorliegen voraussetzt. Die zunächst gebrachten Nachweise zu den Briefen gaben deshalb nur Auskunft zu Quelle und Überlieferung, Datierung, handschriftlichen Notizen, Entwürfen und Beilagen.
Im ersten Plan der Edition des Briefwechsels war aber bereits ein zweigeteilter Band VIII für Kommentar und Register vorgesehen. Arthur Henkel übernahm trotz geahnten Mühen und Schwierigkeiten neben seiner literaturwissenschaftlichen Professur die Ausarbeitung auch dieses Schlußbandes. Nach seiner Emeritierung setzte er die Arbeit am Kommentar fort, zeitweise unterstützt durch von der DFG bewilligte Mitarbeiter. 1987 nahm die Heidelberger Akademie der Wissenschaften den Hamann-Kommentar unter ihre Forschungsvorhaben auf, das Land Baden-Württemberg unterstützte das Unternehmen bis 1991 mit der Stelle einer Mitarbeiterin (Sybille Hubach). Kurzfristigere Förderungen gewährten die Gerda-Henkel-Stiftung, Düsseldorf, die Klosterkammer Hannover des Landes Niedersachsen, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Um die Vollendung des Kommentars zu beschleunigen oder überhaupt zu sichern, betraute Arthur Henkel im Jahre 1995 Sybille Hubach mit der Mitherausgeberschaft. Indes war und ist auch ihr Einsatz durch andere berufliche Pflichten eingeschränkt.

1988 erschien im Inselverlag zum 200. Todestag Hamanns eine Auswahl von fünfzig Briefen samt Kommentar, als Modell des großen Kommentars.

Arthur Henkels erklärtes Ziel war es, den Kommentar und die Register nach einer Generalrevision der langjährigen Vorarbeiten in gedruckter Form zu veröffentlichen und damit zugleich der ursprünglichen Editions-Vereinbarung zu entsprechen. Während der Erarbeitung hatte sich indes herausgestellt, daß sowohl die Aufgabe als auch das Ergebnis einen sehr viel größeren Umfang annahm, als zunächst angenommen; dies war die Folge eines ungewöhnlichen Kommentierungsbedarfes der Briefe Hamanns, der sich eben in der Kommentierungsarbeit immer deutlicher herausstellte. Wegen des erhöhten Volumens minderte sich die Erwartbarkeit einer gedruckten Veröffentlichung. Herr Henkel schloß deshalb 2005 mit der Theodor Springmann Stiftung die Vereinbarung über eine vorwegnehmende elektronische Veröffentlichung der Briefe und deren kommentierender Erschließung. Dies bringt ausgleichend gegenüber der gedruckten Publikation den Vorteil der Handhabung als eines »work in progress« und damit die Möglichkeit, das Vorhandene fortlaufend zu ergänzen, die Flexibilität für Korrekturen und neue Funde.

Der Kommentar Arthur Henkels ist weitgehend eine erste Niederschrift. Sein Verfahren bildete sich bei der Arbeit heraus, die nach Abschluß der Aufnahme einer strengen Redaktion unterzogen werden sollte. Der Entschluß, im Kommentieren einen eigenen Weg zu gehen, hängt eng mit der Schreib-und Denkweise Hamanns zusammen: »Hamanns umfassende Vertrautheit mit der Tradition stellt einem Kommentator nicht nur die Frage nach seiner Kompetenz, sondern auch nach dem erwarteten Leser. Das heißt, sich zum Kompromiß zu bekennen. Hamanns Briefe wollen nicht im geläufigen Sinn gelesen werden, sie wollen bedacht sein, auch in den sandigen Partien und in den Wunderlichkeiten seiner Denkart, die er mit den Sprüngen der Heuschrecke verglich.« (Johann Georg Hamann Briefe. Ausgewählt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Arthur Henkel. Frankfurt/Main 1988, Vorwort S.XXIX) Daher hat dieses Verfahren kein Vorbild in den üblichen Schemata von Kommentierungsmethoden und Kommentarformen. Es informiert mit Realien, stellt aber auch häufig interpretierend Bezüge her, welche die situationsbedingten hermetischen Äußerungen und Anspielungen im Briefwechsel aufhellen, den Horizont zu rekonstruieren suchen für die Späteren, die in Hamanns Lebenswelt nicht mehr ganz heimisch sind. Die Kommentierung fällt somit vergleichsweise üppig aus, und nicht immer kann der Kommentator sicher sein, daß er das Gemeinte fand. Insofern formulierte Henkel auch das Mögliche, das Bedenkenswerte, und vernachlässigte die Regel, nur das Zweifellose in den Kommentar zu setzen. Der Gewinn, der aus Henkels Vertrautheit mit Hamann, geduldiger Analyse, argumentative Bündigkeit und assoziativer Vorstellungskraft zu ziehen ist, erscheint Rechtfertigung genug, bisweilen die eine oder andere der »sieben Todsünden des Kommentars« (M. Mathijsen, in: Text und Edition 2000, S. 245-261) nicht ganz vermieden zu haben.

Die Fertigstellung und Ergänzung der Kommentierung, die nun in Händen von Sybille Hubach liegt, wird zurückhaltender sein. Sie wird sich in dem kleinen noch ausstehenden Bereich auf einen sachlichen Zeilenkommentar beschränken, das vorhandene Material einfügen und ergänzen. Eine abschließende Redaktion der Vorlage wird sich auf eine sprachliche Überarbeitung beschränken, inhaltlich keine Korrekturen vornehmen. Die Ergänzung des Kommentars wird mit einer fortgesetzten Überarbeitung der Register verbunden sein.